Presseartikel für Neue Westfälische, Ressort Politik
"Einfach nur, weil eine Frau ein Kind bekommen könnte"
Interview: Susanne Ihsen, Professorin für Geschlechterstudien in Ingenieurwissenschaften, gibt Unternehmen und Frauen Lösungsansätze, Familie und Karriere zu vereinbaren
Die im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen hohe Zahl von arbeitslosen Ingenieurinnen legt nahe, dass es bessere Lösungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf geben muss. Gerade die Arbeitszeiten qualifizierter Fach- und Führungskräfte sind mit den Kinderbetreuungszeiten öffentlicher Einrichtungen nicht kompatibel. In Zeiten drohenden Fachkräftemangels scheint der Veränderungswille jedoch auf allen Seiten zu steigen. Prof. Dr. Susanne Ihsen ist bundesweit die erste Professorin für Gender Studies in Ingenieurwissenschaften an der Technischen Universität München. Mit der gebürtigen Bielefelderin sprach Carola Ritterhoff.
Frau Ihsen, aktuellen Studien zufolge, wollen die meisten Frauen einen Beruf und Kinder. Das gängigste Modell ist die Teilzeitbeschäftigung der Mütter. Bei Führungskräften scheinen Teilzeitkarrieren nicht möglich zu sein. Warum?
Dafür gibt es bei uns keine Kultur. Wenn ich als Führungskraft Teilzeit arbeiten will, habe ich vermutlich alles verspielt: Ich komme nicht mehr auf die Personalentwicklungsliste im Unternehmen, bekomme keine Leitung mehr übertragen und keine Qualifizierung angeboten.
Muss dass so sein?
Nein. Aber WO gearbeitet wird, hat bei uns heutzutage einen viel höheren Stellenwert als WAS gearbeitet wird. Ich arbeite beispielsweise im Zug, auf dem Sofa, im Büro oder auf dem Flughafen. Mit Laptop und Handy ist das kein Problem. Schließlich kommt es auf die Ergebnisse an. Auch Personalverantwortung ist in Teilzeit machbar. Wenn Frau A für die Projekte 1 und 2 verantwortlich ist und Frau B für die Projekte 3 und 4 sollte das klappen. Außerdem gibt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die regelrecht aufblühen, wenn man ihnen mehr Verantwortung überträgt.
Gerade im technischen Bereich fehlen Fachkräfte. Gleichzeitig ist die Zahl der arbeitslosen Ingenieurinnen mit 9,7 Prozent wesentlich höher als die ihrer männlichen Kollegen mit 3,1 Prozent. Lohnt es sich da, Ingenieurin zu werden?
Auf jeden Fall. Die Gelegenheit ist günstig, der Fachkräftemangel beflügelt die Entwicklung zugunsten der Frauen. Unternehmen sind eher bereit, vorhandenes Wissen im Unternehmen zu halten und entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Trotzdem ist es so, dass Unternehmen die eine gute weibliche Bewerberin haben, doch lieber abwarten, ob sich nicht ein Mann bewirbt. Einfach nur, weil eine Frau ein Kind bekommen könnte.
Was raten Sie jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren, die Karriere und Familie vereinbaren wollen?
Sie sollten mit den Verantwortlichen reden – eigene Konzepte vorschlagen. Als Führungskraft verhandele ich über das Gehalt, über Personal und Budgets. Dann muss ich auch in der Lage sein, über die Arbeitsgestaltung während der Kinderphase zu verhandeln. Die gute Nachricht ist doch: es gibt immer neun Monate Planungszeit für beide Seiten. Ich rate jungen Nachwuchskräften in dieser Situation zu einer guten Berufsplanung und auch Partnerschaftswahl. Wer sich in einen Macho verliebt, hat schlechte Karten, wenn es darum geht, die Elternzeit zu teilen.
Wichtig ist, in der Mutterschaftsphase nicht komplett auszusteigen und den Kontakt zu halten. Weibliche Führungskräfte sollten den Eindruck unterstreichen, dass sie, obwohl sie Mutter sind, am Fortgang des Unternehmens interessiert sind. Drei Jahre aussteigen ist bei Karriereambitionen definitiv nicht möglich.
Die Einstellungspraxis der Unternehmen scheint sich diesen Überlegungen noch nicht angepasst zu haben. Sehen sie Fortschritte?
Einige Unternehmen verschlafen vollständig die Möglichkeiten, sich dieser Personengruppe der hochqualifizierten Frauen vorzustellen. Andere finden keine weiblichen Fach- und Führungskräfte. Internationale Unternehmen haben schon seit Jahren eine Diversity-Strategie. Sie haben den Personalmix als Erfolgsfaktor erkannt. Kleinere Unternehmen haben oft keine ausgefeilten Strategien, sind aber sehr flexibel, wenn es um Einzelfalllösungen geht.
Bei den arbeitslosen Ingenieurinnen muss man auf die Fachrichtungen schauen: Es gibt nur wenige Frauen in der E-Technik, aber viele Architektinnen. In der Baubranche ist die Nachfrage aber in den letzten Jahren nicht so groß gewesen.
Ansonsten ist mein Eindruck, das beide Seiten aufeinander warten: Die Unternehmen bewegen sich dann, wenn die Mitarbeiter kommen und sagen: Ich habe ein Problem, das ich nicht alleine lösen muss. Hier müssen die Berufsverbände Brücken schlagen.
Wenn es um die geringe Anzahl von Frauen in Führungspositionen geht, kommt oft das Argument: „Die wollen ja nicht.“ Stimmt das?
Ja. Viele Frauen wollen keine 60-Stundenwoche, keine häufigen Ortswechsel und nicht auf Privatleben verzichten. Irgendwann muss ich mich entscheiden, ob ich Karriere machen will. Die wird immer noch nach 18 Uhr gemacht. Das ist eine Lebensentscheidung. Habe ich eine gewisse Stufe erreicht, kann ich diese Arbeit gestalten und Rahmenbedingungen aushandeln.
Sie haben die erste Professur für Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften. Bis wann brauchen wir eine solche Professur?
Wenn die demografische Entwicklung so weitergeht, sind wir vielleicht schneller als erwartet. Im Moment höre ich noch oft genug den Satz: „War interessant, ihnen zuzuhören. Aber wir brauchen so etwas nicht.“ Ich warte also eher noch auf weitere Kolleginnen und Kollegen an anderen Unis.
Artikel erschienen am 27. September 2007 in der Neuen Westfälischen, Ressort Politik.